Auf einen Kaffee mit der Wissenschaft

Dienstleistungen sind nicht greifbar, lassen sich anders als Produkte nicht anfassen – ein allgemein gesehenes Problem, mit dem Unternehmen vor allem im Service-Marketing zu kämpfen haben. Das stimmt aber auch nicht so ganz, zumindest nicht in Nürnberg: Dort bietet die Service-Manufaktur JOSEPHS Dienstleistungen zum Anfassen und Ausprobieren. Wie geht das?

img_0357

Wer durch Nürnbergs Altstadt spaziert, am Weißen Turm vorbei, Richtung Saturn und Wöhrl, der entdeckt an der Kreuzung von Vorderer und Hinterer Lesergasse ein ungewöhnliches Geschäft. „JOSEPHS“ prangt da in dicken weißen Lettern an der Sandsteinfassade, draußen stehen ein paar Caféstühle samt Sonnenschirm und laden zum Verweilen ein. Ein paar Schritte die Treppe hinunter gelangt man direkt ins JOSEPHS und steht mitten in einem – Café. Das ist ein Ort, in dem sich Wissenschaftler, Konsumenten, Produkt- und Dienstleistungsentwickler treffen. Das JOSEPHS ist nämlich ein Ort, an dem Dienstleistungen und Geschäftsmodelle getestet werden können. Hier kann sozusagen jeder innovativ werden und Vorreiter sein.

Vor rund fünf Jahren haben sich Fraunhofer-Forscher und Wirtschaftsinformatiker zusammengetan, um in der fränkischen Metropole etwas Besonderes zu schaffen: Unternehmen sollte die Möglichkeit gegeben werden, Service-Ideen und -Konzepte einem breiten Publikum „von der Straße“ vorzustellen, noch bevor sie regulär angeboten werden. Jeder Interessierte kann ins JOSEPHS kommen und alles ausprobieren, was unsere Themenwelten hergeben. Alle drei Monate wechseln die Themenwelten, dann werden neue Produkte und Dienstleistungen zum Ausprobieren zur Verfügung gestellt. Die einzelnen Versuchsinseln werden von Wissenschaftlern der Universität und des Fraunhofer-Instituts begleitet. Die Wissenschaftler verfolgen dabei verschiedene Forschungsfragen, die vorab mit den Unternehmen abgestimmt worden sind. Die Mitarbeiter erklären die vorgestellten Lösungen, fragen Stimmungen und Meinungen ab und erfassen die Rückmeldungen der Endverbraucher – so erhalten die Unternehmen ein direktes Feedback vom Konsumenten.

Der Ablauf bei der Zusammenstellung der einzelnen Anlaufpunkte einer Themenwelt hat sich mittlerweile etabliert: Zunächst werden in einem Workshop Forschungsfragen entwickelt, dann wird ermittelt, wie das Setting bei der Präsentation im JOSEPHS aussehen soll. Schließlich wird die Lösung für rund drei Monate zum Testen freigegeben, und zwar qualitativ hochwertig, im Gespräch mit den Konsumenten statt mit einer einfachen Abfrage. Anschließend erfolgt die Auswertung, bei der die Forschungsfragen ausführlich beantwortet werden. Danach kann das Unternehmen entscheiden, ob und wie es die Dienstleistung zur Marktreife bringen möchte. Vom Start-up bis zum großen Unternehmen war in den letzten zwei Jahren im JOSEPHS schon so ziemlich die gesamte Bandbreite vertreten. Das sieht das Konzept auch so vor: Den Forschern geht es nicht vordergründig um das Unternehmen, sondern zuerst um die Lösung. In der Sommer-Themenwelt konnten Besucher unter anderem einen neuen Lösungsansatz von Hotel.de zur schnellen Buchung von Unterkünftern testen. Das Forschungsprojekt CODIFeY wollte herausfinden, wie Ladesäulen für Elektrofahrzeuge kundenfreundlich konzipiert werden können.

Die Werkstatt – so wird der Bereich genannt, in dem getestet werden kann, ist übrigens noch nicht alles: Auf den 400 Quadratmetern Fläche finden die Besucher außerdem noch einen Gadget-Shop für alltägliche Dinge mit neuer Funktion und außergewöhnlichem Design sowie die Denkfabrik. Hier finden regelmäßig Workshops, Vorträge und Best Practice-Veranstaltungen statt. Das Interesse an der Denkfabrik und an der Werkstatt ist bei den Besuchern groß: Die Verweildauer liegt oft bei einer Stunde. Viele Besucher haben sich mittlerweile zu Stammgästen entwickelt: Sie brennen immer darauf, neue Dinge auszuprobieren und kennenzulernen. Dazu gibt es dann natürlich immer ein frisches Heißgetränk – denn ein Café, das ist das JOSEPHS bei aller wissenschaftlichen Arbeit ja schließlich auch.

2016_04 Druck.indd

DOWNLOAD: Mehr über das JOSEPHS gibt es auch in der aktuellen Ausgabe der SERVICE TODAY 4/16 (Beitrag hier in der pdf lesen) (Vollständige Ausgabe unter www.kvd.de verfügbar)

Kommentar verfassen