Neue Arbeit ist ungleich New Work

Die heutigen Debatten über die Arbeitswelt von morgen sind voll von Begriffen, die einen den Überblick verlieren lassen – sagt Tobias Kremkau, Coworking Manager des St. Oberholz in Berlin. Zusammen mit Angsar Oberholz hat er das Institut für Neue Arbeit (IfNA) gegründet und berät Unternehmen zu Fragen der Transformation von Arbeit. Für die SERVICETODAY 3/18 hat er einen Beitrag darüber verfasst, warum es sich manchmal lohnt, einen Schritt zurück zu machen, um dann einen besseren Blick auf die Dinge vor einem zu haben.

Foto: Deutsche Bahn

Worum geht es eigentlich bei Neue Arbeit? Und ist dies das gleiche, was momentan parallel unter New Work verstanden wird? Es kommt mir so vor, dass viel geredet, aber wenig nachgedacht wird. Bei Neue Arbeit steht das innere Bedürfnis des Menschen, etwas aus seiner individuellen Sicht Sinnvolles zu tun, im Vordergrund. Der diesen Begriff entwickelte Sozialphilosoph Frithjof Bergmann meint damit nicht Arbeitsweisen, Organisationsmodelle oder irgendwelche Anreize, die Unternehmen ihren Arbeiternehmer*innen anbieten. Einzig und allein die Frage, was jemand machen möchte, wofür er ein inneres Feuer hat, ist relevant.

New Work hingegen ist der Oberbegriff für alle Veränderungen innerhalb der Wirtschaft. Das New ist hier quasi eine Situationsbeschreibung, die geprägt ist von neuen Technologien, der Digitalisierung, Entwicklungen wie Automatisierung und Künstliche Intelligenz. In der Wirtschaft geht es aber nicht primär um Arbeit, fasst Lars Voller pointiert den Denkfehler vieler New-Work-Gurus zusammen, sondern um auf den Kunden ausgerichtete Prozesse.

Was möchte ich machen?

Ich muss zugeben, New Work interessiert mich kaum. Ich persönlich finde Werbung auch als digitales Online-Marketing langweilig, mich interessieren nichtssagende Q&A-Texte genauso wenig wie an mir vorbei kommunizierende Bots und als Schachspieler stehe ich intelligenten Maschinen seit den Tagen von Deep Blue skeptisch gegenüber. Was mich wirklich interessiert, ist das, was ich machen möchte. Und vor allem dies zu entdecken.

Die Grundlage für Neue Arbeit ist eine grundlegende Ehrlichkeit sich selbst gegenüber. Wieso geht man eigentlich einer Tätigkeit nach? Wie kam es dazu? Möchte ich das, was ich damals als Beruf wählte, heute immer noch machen? Es ist schwer, dermaßen ehrlich zu sein. Ich musste das noch nicht sein, mich brachten unerfragte Entwicklungen dazu, einfach Sachen anders machen zu müssen und so zu merken, was ich machen möchte. Als ein Blog noch ein privates Hobby von mir war, verlor ich aufgrund eines Blogposts meinen Job. Aus Trotz heraus beschloss ich, vom Bloggen leben zu wollen. Kurz darauf führe ich für ein Unternehmen den Blog und merkte schnell, wie abhängig die Redaktion von mir als Person war. Also organisierte ich das Team und die Aufgaben um, vor allem so, dass ich meiner Tätigkeit ortsunabhängig nachgehen konnte, da ich die Lust am Reisen entdeckte.

Das Leben steht nie still

In drei Jahren schaffte ich es, vom Bloggen zu leben, meinem Beruf ortunabhängig nachzugehen und dank des Vertrauens meines Chefs machen zu können, was ich wollte. Durch das Reisen entdeckte ich aber ein neues Interesse, Coworking, und verließ mein eigenes Arbeitsparadies, um in einem neuen Thema neu anzufangen. Kein Incentive hätte mich halten können, ich wollte etwas anders machen und folgte einfach diesem Drang.

Foto: Deutsche Bahn

Nicht Arbeiternehmer*innen müssen flexibel sein, sondern unsere Arbeitgeber*innen. Nicht sie gestatten uns, etwas machen zu dürfen, sondern sie kommen in den Genuss, dass wir eine Zeitlang Lust haben, etwas für sie zu machen, sie an unserem Leben teilhaben zu lassen. Unternehmen sollten deshalb vor allem beim Wissensmanagement und dem Recruiting neue Maßstäbe setzen. Wir kommen quer in die Unternehmen, nicht mehr von unten.

Wie wir arbeiten, sagt viel über unser Vorstellungen vom Leben aus. Ich möchte stets Neues entdecken, privat wie auch bei der Arbeit. Meine Arbeit ist Teil meines Lebens, nicht andersrum. Eine Geschäftsreise muss beispielsweise Platz für Kultur, Erholung und meine Freunde vor Ort lassen. Meine Vorgesetzten müssen Vertraute sein, die mich fördern und weiterbringen, aber auch zu mir stehen, wenn es nicht läuft. Sie sind Teil meines Lebens.

Unerfahrene Arroganz?

Das ich kein Fantast bin, zeigt zum einen mein bisheriges Berufsleben, zum anderen das unnötige Thema Fachkräftemangel.Martin Gaedt kritisiert zu Recht, dass es sieben Milliarden Wege zu sieben Milliarden Menschen gibt, die Unternehmen aber ideenarm einfach nur eine Fachkraft suchen (und dann nicht finden). Mich findet keiner dieser Unternehmen, aber ich habe Firmen wie die Netzpiloten und das St. Oberholz gefunden. Ich habe für beide Unternehmen gearbeitet, da es das war, was ich in dem Moment machen wollte (und noch immer will). Und meine Vorgesetzten haben mich so arbeiten lassen, wich ich das wollte. Dies habe ich nicht aus einer Arroganz gefordert, weil „richtige“ Arbeit mir vielleicht nicht liegt, sondern weil ich wusste, dass ich etwas machen wollte, was mir sinnvoll vorkam. Dies ist Grundlage für mein Engagement und meiner Suche nach der besten Lösung.

Neue Arbeit bedeutet, sich selbst weiterzuentwickeln, als Menschen zu reifen und herauszufinden, wer man ist. Das innere Feuer brennt im Laufe des Lebens für verschiedene Themen, diesem Impuls muss man nachgeben können und einen Neuanfang nicht als Karriereknick betrachten, sondern als Erweiterung des bisher Gelernten. Sein Selbst ist das zentrale Thema der Neuen Arbeit und wird es trotz New Work auch immer bleiben.

Autor: Tobias Kremkau, St. Oberholz Berlin, komplett erschienen in der SERVICETODAY 3/18 „Fit in Service“ (www.service-today.de)