Kopf- und Handarbeit für den Sharing-Gedanken

Aufregende Wochen für Carsharing-Befürworter in den letzten Tagen: Daimler und BMW fusionieren ihre Carsharing-Dienste car2go und DriveNow zu ShareNow. Doch wie funktionieren die Steuerung und der Betrieb einer Carsharing-Plattform überhaupt? Christian Mueller, Leiter der globalen Kommunikation bei car2go, erklärt unter anderem, wie die Fahrzeuge für den Sharing-Betrieb ausgerüstet werden, was die App und die Software hinter dem Betrieb können müssen und welche Prozesse hinter der Gesamtlogistik Carsharing stecken.

Start 2008 mit einem Pilotprojekt

Carsharing gab es bereits vor car2go. Das Prinzip des free-floating Carsharings kommt jedoch direkt von car2go. Was 2008 mit einem Pilotprojekt begann, ermöglicht heute über drei Millionen Kunden flexible Mobilität. Denn: Das Fahrzeug muss nicht zum ursprünglichen Standort zurückgebracht werden, sondern kann innerhalb des Geschäftsgebiets überall auf öffentlichen Parkplätzen abgestellt werden – ganz ohne Parkgebühren, denn car2go übernimmt die Kosten für öffentliche Parkplätze. Dass car2go eine Entwicklung des Daimler-Konzerns ist, merkt man spätestens, wenn man vor einem der Fahrzeuge mit den blauen Aufklebern steht. Entweder ist es – wie in den Anfangsjahren durchgehend – ein Smart, oder mittlerweile auch Mercedes-Modelle, wie die A- und B-Klasse oder der CLA.

Grundsätzlich unterschieden sich diese Fahrzeuge erst einmal nicht von der Serienversion, die jedermann für sich, sein Unternehmen oder seine Flotte kaufen kann. Für den Carsharing-Einsatz werden sie allerdings in einer Service-Werkstatt umgerüstet: „Bei car2go werden in der Regel Serienfahrzeuge bestellt. Technisch sind diese Fahrzeuge zum kleineren Teil ‚ready for carsharing‘, zum größeren Teil werden sie von uns nachgerüstet“, erklärt Christian Mueller, Leiter der globalen Kommunikation bei car2go. Die Hardware-Montage und die Beklebung der Fahrzeuge erfolgt über einen externen Dienstleister. „Es wird ein Carsharing-Modul verbaut, um unter anderem den schnellen und sicheren Zugriff via Smartphone zu gewährleisten“, erklärt Christian Mueller. Vier Stunden dauert es im Durchschnitt, bis ein Auto fertig, zu einem car2go, umgebaut ist.

App ist das zentrale Bindeglied zum car2go-Service

Die App auf dem Smartphone ist übrigens auch das Bindeglied zum Fahrzeug-Service im Betrieb. Denn im täglichen Einsatz bleibt es nicht aus, dass es auch einmal eine Beschädigung am Fahrzeug gibt. „Unsere Kunden können Auffälligkeiten oder Beschädigungen über unsere App oder telefonisch an unseren Kundenservice melden. Je nach Störung wird das Fahrzeug dann dem Reinigungsprozess unterzogen oder zur Reparatur gebracht bzw. vorerst aus dem Betrieb genommen“, erklärt der car2go-Mann. „Unser Servcieteam reinigt unsere Fahrzeuge in regelmäßigen Abständen und zusätzlich bei festgestellter oder von Kunden gemeldeter Verschmutzung. Bei Verstößen behalten wir uns vor, den jeweiligen Kunden zu ermahnen oder sogar von unserem Service auszuschließen.“ Das sorgt für die nötige Disziplin unter den Kunden – nur so funktioniert das Teilen von Fahrzeugen in der Flotte.

Apropos Flotte: Gesteuert wird die gesamte Fahrzeug-Disposition natürlich über eine Software – und die ist eine Eigenentwicklung von car2go, wie Christian Mueller betont. Und die weiß im Zusammenspiel mit der in den Fahrzeugen verbauten Hardware genau, wo sich welches Fahrzeug befindet – und damit auch, ob es sich im Geschäftsgebiet befindet oder nicht, auf den Meter genau.

Für die Weiterentwicklung von Webseite und App in der „Software-Werkstatt“ beschäftigt car2gp mehrere Teams: „Fachkräfte hierfür kommen unter anderem aus den Bereichen Software-Entwicklung, Webentwicklung, UI/UX-Design oder Marketing. Im Flottenmanagement beschäftigen wir zum einen ‚klassische‘ Flottenspezialisten. Zum anderen sind hier – aufgrund der vielen automatisierten und auf Big Data / AI basierenden Prozesse -Software-Entwickler und Datenspezialisten beteiligt.“

Gefragt: die Balance zwischen Verfügbarkeit und Nachfrage

Die sorgen auch dafür, dass die Fahrzeuge immer kundenfreundlich platziert sind: „Um unseren Kunden die Autos dort zur Verfügung zu stellen, wo sie wirklich gebraucht werden, haben wir Geschäftsgebiete in den jeweiligen Städten definiert, in denen wir unseren Service anbieten“, erklärt der Experte. Denn damit das Service-Prinzip des free-floating Carsharing ohne feste Mietstationen optimal funktioniert, müssen die Fahrzeuge mehrmals am Tag angemietet und bestenfalls von den Kunden selbst in der Stadt verteilt werden. „So schaffen wir eine bessere Balance zwischen Fahrzeugverfügbarkeit und Nachfrage – im Sinne der großen Mehrheit unserer Kunden. Grundsätzlich gilt: Je höher die Bevölkerungsdichte, je besser ausgebaut der ÖPNV und je höher der Quartiersmix aus Arbeit, Freizeit und Wohnen an einem Ort ist, desto höher ist die Nachfrage nach free-floating Carsharing. Auf Basis dieser Parameter werden die jeweiligen Geschäftsgebiete festgelegt.“

car2go evaluiert diese Geschäftsgebiete regelmäßig und passt sie gegebenenfalls an. Technisch läuft das so: „Via GPS-Signal erkennt das Fahrzeug, ob es sich noch im Geschäftsgebiet befindet. Die Entscheidung über benötigten Service läuft automatisiert ab. Regelmäßige Wartungs- oder Reinigungsintervalle werden mit weiteren Daten kombiniert.“ Das können Werte sein, die car2go über die Kunden erhalten, hier eben die Sauberkeitsbewertung, aber auch die Bewertung der Fahrt oder Feedback per Telefon. Hinzu kommen die Fahrzeugdaten wie der Tank- und Ladestand oder die Position des Fahrzeugs.

„In Kombination entscheidet unsere Software dann individuell für jedes Fahrzeug, ob ein Service gemacht werden soll, und informiert einen zuständigen Mitarbeiter“, sagt der car2go-Sprecher. „Umparken“ bzw. „Relocation“ fließt ebenfalls in diese Kalkulation ein. „Ich gebe Ihnen ein einfaches Beispiel: Die Software erkennt, dass ein Fahrzeug, das in einem weniger frequentierten Bereich der Stadt steht, demnächst gereinigt werden und auch noch aufgeladen werden muss. Das Auto wird dann nach der Reinigung nicht nur in einen Bereich der Stadt mit höherer Nachfrage gestellt, sondern dort auch gleich an eine Ladesäule angeschlossen. Die Software hilft uns dabei, den Service sehr effizient zu machen.“

Die Positionierung der Fahrzeuge ist nicht so banal, wie es klingt: „Ziel ist es, Anmietungen in Gebieten mit geringerer Nachfrage für die car2go Kundinnen und Kunden attraktiver zu machen. Fahrzeuge sollen so im Sinne des ‚free-floating‘ – Prinzips schneller wieder aus diesen Gebieten heraus gefahren werden. Damit steigt die Gesamtverfügbarkeit der car2go-Fahrzeuge für alle Kundinnen und Kunden“, sagt Christian Mueller. Neuerdings hilft dabei auch ein Preisanreiz: Der bisherige starre Minutenpreis wurde durch ein flexibles Preissystem ersetzt, das sich an der Tageszeit und dem Standort des Fahrzeugs orientiert.

Der nächste Schritt beim Mobilitätswandel betrifft die Elektrifizierung. car2go setzt in einigen Städten schon konsequent auf eine Flotte von Elektroautos. Auch hierfür muss die entsprechende Infrastruktur vorhanden sein: „Klar, eine wesentliche Voraussetzung für den Betrieb von Elektroflotten ist das Vorhandensein einer gut ausgebauten Lade-Infrastruktur in der Stadt. Wir arbeiten mit verschiedenen Städten zusammen, um die Elektromobilität mittels Carsharing zu fördern. Wir betreiben aber keine eigene Ladeinfrastruktur.“ Auch hier steht der Aspekt des Teilens also im Vordergrund.

Hinweis: Der Beitrag ist Teil der Serie „Service-Werkstatt“, die regelmäßig im Fachmagazin SERVICETODAY erscheint.