Ein Plädoyer für die Langsamkeit – und für die Kooperation: Prof. Dr. Harald Lesch auf dem KVD Service Congress 2019

Prof. Dr. Harald Lesch kam als Special Guest zum KVD Service Congress, betrat die Bühne und zündete ein Feuerwerk. Nicht im wörtlichen Sinne. Es war ein Feuerwerk der Naturwissenschaften, der wohlgewählten Worte, des Charmes – vor allem aber: des Wissens. Ein Blick ins Publikum verriet: Hier hinterlässt jemand Eindruck. Teils mit offenem Mund und weit geöffneten Augen folgten die Gäste Leschs Ausführungen – fast so, als trauten sie sich nicht zu blinzeln, weil man sonst wichtige Infos verpassen könnte.

Zugegeben, am Anfang dieses Textes steht Angst. Angst, den herausragenden Vortrag von Harald Lesch nicht adäquat für die Leser der SERVICETODAY wiedergeben zu können. Angst, wichtige Dinge zu vergessen. Angst, der Komplexität nicht gewachsen zu sein. Und dann ist da die Entscheidung, sich einfach danach zu richten, was der Wissenschaftlicher, den viele aus dem Fernsehen aus den Wissenssendungen „Leschs Kosmos“ und „Terra X“ kennen, in seinem Vortrag geraten hat: Mehr Vertrauen – und es kann gut werden.

Passenderweise hieß das Thema von Leschs Ausführungen „Vertrauen und Komplexität“. Der Astrophysiker und Wissenschaftsjournalist machte nicht weniger als einen thematischen Rundumschlag zur Welt, in der wir leben. Angefangen auf molekularer Ebene (Wie ist die Welt entstanden?) bis hin zum gesellschaftlichen Miteinander der Gegenwart (Wie lassen sich aktuelle politische Strömungen erklären?). Und was hat das nun alles mit Vertrauen und Komplexität zu tun? Für Lesch ganz klar: „Vertrauen reduziert die Komplexität unseres Lebens.“ Wir vertrauten zunächst auf die Stabilität der Materie. Dass sich die Erde beispielsweise stabil in ihrer Umlaufbahn hält oder dass die Zellen unseres Körpers stabil blieben, um weiter existieren zu können. Dass wir darauf vertrauen, macht es uns laut Harald Lesch einfacher, die Komplexität hinter den ganzen Phänomenen und Vorgängen zu ertragen.

Er beobachtet aber auch ein steigendes, fast schon blindes Vertrauen in die Technologie. Und das ist eine Entwicklung, die Harald Lesch kritisch beäugt. „Wir haben bei der modernen Technologie, bei der digitalen Elektronik überhaupt keine Ahnung, was da genau passiert“, konstatierte der Wissenschaftler. Und dennoch verließen sich die Menschen immer mehr darauf. „Wir haben mehr Vertrauen in digitale Oberflächen als in die Natur.“ Vertrauen an sich ist die Zusage, sich auf etwas zu verlassen. Misstrauen hingegen bedeutet Kontrolle – und ist somit mehr Aufwand als Vertrauen. „Vertrauen ist ein Stabilisierungsmoment –auch im Kundendienst.“

Allerdings unterliege die Kultur des Vertrauens in Deutschland immer mehr Zweiflern. Leschs Ausführungen nach ist die derzeitige Entwicklung in Politik und Ökonomie geprägt von einem steigenden Misstrauen. „Der Druck wächst“, sagte Harald Lesch. „Ökonomisch, politisch, ökologisch… Alles muss effizienter werden. Der Verbrauch steigt. Das Energieniveau ist derart hoch, dessen sind wir uns nicht bewusst. Der Wirtschaftsdruck auf die Natur steigt. Durch unser ökonomisches Tun verändern wir Natur – und das führt zu Misstrauen.“

Rein naturwissenschaftlich betrachtet ist ein System umso stressresistenter auf Einwirkungen je flexibler, je freier, es ist. Bei starker Kopplung, also bei komplexen Systemen hingegen, ist die Störanfälligkeit hoch: sie reagieren mit einem Bruch. Und so lässt es sich auch auf die gesellschaftliche, ökonomische und politische Lage unserer Zeit übertragen: Nationalismen beispielsweise sollen zu mehr Identität führen (Beispiel: Brexit, AfD). „Tatsächlich aber sind sie ein Ausdruck dafür, dass man mit Komplexität nicht umgehen kann“, führte Harald Lesch aus. Und damit nähern wir uns einem Teufelskreis der modernen Gesellschaft: Komplexität zerstört Vertrauen, aber: Vertrauen hilft, Komplexität zu tolerieren.

„Ich habe das fürchterliche Gefühl, dass ungeregelte Marktwirtschaft das Vertrauen zerstört“, erklärte Harald Lesch und fragte: „Wie lange soll der Effizienzgedanke noch bestehen?“ Überall lese er etwas von exponentiellem Wachstum. „Da stellen sich mir als Mathematiker die Nackenhaare auf. Exponentielles Wachstum ist nichts durchweg Erstrebenswertes. Wenn etwas exponentiell in Ihrem Körper wächst, sind Sie tot“, gab er ein Beispiel. Sein ökonomischer Appell ans Plenum: „Langsamer werden, der Effizienzdruck ist gefährlich.“ Technologien lieferten Möglichkeiten, sie seien aber mit Vorsicht zu genießen.

Er plädiert für eine Kultur der Kooperation. Gemeinsam sprechen, sich austauschen, Lösungen erarbeiten. Nicht umsonst stelle er bei Klausuren in theoretischer Physik so schwere Aufgaben, dass die Studenten sie alleine unmöglich lösen können. Nur wer zusammen arbeitet, einander zuhört und miteinander überlegt, kann zu einer guten Lösung finden.

Harald Lesch ist sich durchaus bewusst, dass seine Ausführungen beängstigend wirken können. „Ich weiß, die Diagnose ist schwer auszuhalten“, gab er zu. Aber alle gemeinsam könnten überlegen, was man ändern könne, um eine Besserung herbeizuführen. „Ich kann Ihnen nur sagen: ‚Zusammen, das ist das Glück.‘“